2004: Database-Publishing „Im Database-Publishing fehlen echte Innovationen“
Interview aus der Ausgabe Der Versandhausberater Spezial, Seite 3 vom 23.12.2004

- Martin Groß-Albenhausen Herausgeber und Chefredakteur der Fachzeitschrift „Der Versandhausberater“. Er leitet das Deutsche Versandhandels-Institut, ist Gründer und Mitveranstalter des „Deutschen Versandhandels-kongresses“, Juror der amerikanischen Katalogpreise und Referent auf europäischen und amerikanischen Direktmarketing-Veranstaltungen.
Der Kölner Medien-Berater Jörg Oyen gilt als Experte für den Einsatz von Database-Publishing-Software. Im Interview äußert er sich zu den Trends der automatisierten Katalogerstellung.
Versandhausberater Wenn es um das Thema Katalogsoftware und Database-Publishing geht, winken viele Versender ab: Funktioniert eigentlich nur im b-t-b, viel zu unemotional für Consumer-Kataloge. Stimmts?
Jörg Oyen Überwiegend ja. Emotionale Seiten leben, bei ihrer Erstellung gibt es kaum lineare Abläufe. Ganz im Gegensatz zu der Mehrzahl der Database Publishing-Anbieter, die einen Einbahnstrassen ähnlichen Arbeitsablauf verfolgen. Informationen werden tabellarisch vorgehalten und nach Schema F an ein Layoutprogramm übergeben. Diese so genannten „Seitenroboter“ oder auch Reportgeneratoren ermöglichen einen schnellen Seitenaufbau, der dabei meist nur als einmaliges Ereignis verstanden wird. Ab dem Moment, wenn mehr als drei Personen für eine Seite zuständig sind und sich über Form, Inhalt und Gestaltung verständigen sollen stoßen diese Werkzeuge schnell an ihre Grenzen.
Versandhausberater Welches sind die größten Anforderungen an solche Lösungen heute?
Jörg Oyen Bei emotional gestalteten Seiten zählen Faktoren wie Geschwindigkeit beim Seitenaufbau nur ganz am Rande. Seitenplanung, die Organisation von Inhaltsbeschaffung in Form von Text und Bild, die Abstimmung mit verschieden inhaltlich verantwortlichen Akteuren auf einer Doppelseite stehen im Vordergrund. Die Option, in letzter Minute Preise und auch Produkte austauschen zu können, sind Pflicht. Die Weiterverwendung von gestalteten Produktarrangements für weitere Medien sollte ebenso möglich sein, wie auch die korrekte Verwendung von Aktionsware. Gerade in sehr kurzen Produktionszyklen kann es hier schnell zu unerwünschten Veröffentlichungen kommen. Spätestens dann ist eine Versionisierung von Produktionen notwendig.
Versandhausberater Und welche Probleme haben die Anbieter noch nicht gelöst?
Jörg Oyen Viele Probleme haben ihren Kern in der nicht medienneutralen Datenhaltung. Bei der Erfassung von Informationen können nur zum Teil wichtige Gestaltungsanforderungen für die Weiterverwendung mitgepflegt werden. Die wenigsten Anbieter verfügen über visuelle Eingabemöglichkeiten die mit der tatsächlichen Layoutausgabe übereinstimmen und so in der Produktion zu Mehrfachabstimmungen führen. Das eigentliche „Verdrahten“ von Informationen und Gestaltung bleibt je nach Lösung ein komplexer Arbeitsschritt. Bestehende Layouts dienen dabei nur zum geringen Teil der Vorbereitung, Inhalte können nur bedingt weiterverwendet werden. Weil nicht nur mal eben Preise und der Gesamteindruck einer Seitenstrecke wichtig sind, und weil zudem Bildanteile und Textanteile nur für jeweils eine Komposition in ihrer Wertigkeit stimmig sein müssen, müssen die Funktionen der Database Publishing Werkzeuge sauber in die bestehenden Arbeitsabläufe integriert werden. Die wenigsten Werkzeuge unterstützen wirklich „kollaboratives“ Arbeiten, ohne das emotionale Seiten im Erstellungs- und Abstimmungsprozess durch viele Verantwortliche und Kreative einfach nicht funktionieren können. Was fehlt, sind wirkliche Innovationen, schnell umsetzbare Funktionen und Module die eine quasi „unsichtbare“ Verbindung zwischen Datenbank, Layout und Workflow, bilden können.
Versandhausberater Wieviele Anbieter gibt es im Markt?
Jörg Oyen Insgesamt sind es ca. 100 ernstzunehmende Anbieter. Angefangen bei kleinen Schnittstellenlösungen bis zu Systemanbietern, die Daten an offene Layoutdokumente übergeben können. Fast jeder ERP-, CMS- und MAM-Anbieter hat eine Printausleitung für b-t-b-Kataloge.
Versandhausberater Welche Software würden Sie heute als die ausgereifteste bezeichnen?
Jörg Oyen Hier zählt, welcher Anbieter die längste Erfahrung mit Versender-Katalogen auf Basis von „offenen“ Layoutdokumenten hat. Comosoft mit dem System Lago zeigt mit der Aussage „Wir machen keine Schraubenkataloge“ deutlich, wo sie am Markt stehen. In die gleiche Klasse gehören auch die Lösungen von empolis und teilweise auch Stibo und Pindar. Aspekte wie Mehrsprachigkeit, Internationalisierung, Druckdienstleistungen, Webanwendungen, Bedienung von parallelen Vertriebskanälen, Zielgruppenkataloge etc. fließen wesentlich in die Wahl des Systems ein.
Versandhausberater Wie problemlos funktioniert heute der „digitale Workflow“?
Jörg Oyen Die technischen Vorrausetzungen für einen reibungslosen digitalen Ablauf sind heutzutage vorhanden. Werden digitale Kommunikationskanäle aber verlassen, kommt es unweigerlich zum Konventionsbruch. Angefangen von der lokalen Dateiablage beim Anwender, über externe Bildlieferanten die „korrekte“ Dateinamen nicht kennen oder nutzen, bis hin zur papiergebundenen Korrekturfahne, dessen Überarbeitung im Layout letztendlich manuell erfolgt, entstehen immer wieder Reibungspunkte die eine effektive Nutzung der Systeme umgehen.
