Medienbruch 2.0
Per Definition benennen wir den Wechsel eines Mediums in einer Prozesskette als Medienbruch, der mit Mehraufwand, Fehleranfälligkeit, Redundanz und natürlich Kosten verbunden ist. Das klassische Beispiel, das in tausenden deutscher Unternehmen jeden Tag vorkommt, ist die ausgedruckte E-Mail.
Vorbemerkung und Begrifflichkeit
Als ich vor etwa acht Jahren erstmals mit dem Begriff „Medienbruch“ in einer Verkaufsveranstaltung konfrontiert wurde, war mein einziger Gedanke
>> schon wieder ein neues Kunstwort <<.
Die darauf folgende Zeit in der Medienindustrie relativierte meine Abneigung allerdings rasch. Die Erkenntnis, dass wir uns im Berufsleben ständig Medienbrüchen aussetzen und diese meist auch selbst begehen, tat ihr Übriges, das Thema ernst zu nehmen und an den Stellen, an denen man Einfluss hat, Medienbrüche zu vermeiden.
Per Definition benennen wir den Wechsel eines Mediums in einer Prozesskette als Medienbruch, der mit Mehraufwand, Fehleranfälligkeit, Redundanz und natürlich Kosten verbunden ist. Das klassische Beispiel, das in tausenden deutscher Unternehmen jeden Tag vorkommt, ist die ausgedruckte E-Mail.
Den Verursachern ist im Moment Ihrer Tat meist nicht bewusst, welchen dramatischen Informationsverlust sie eigentlich gerade selbst herbeiführen.
Erstaunlicherweise kommt es im Privatleben der Schreibtischtäter eher selten zu solchen Brüchen.
Stellen Sie sich einmal vor es sei Hochsommer. Die Eisdiele Ihrer Wahl hat einen frischen Bottich Schoko-Eiscreme in die Auslage gestellt und Ihnen läuft das Wasser im Mund zusammen. Würden Sie Ihre Digitalkamera zücken, ein hochauflösendes RAW-Foto schießen, es dann auf dem Tintenstrahler ausdrucken und an dem bedruckten Papier lecken? Nicht wirklich!
Im echten Leben, abseits des Jobs, würden Sie instinktiv jedweden Medienbruch vermeiden. Warum also nicht auch im Office?
Aus Sicht der Medienerzeuger
Ganz gleich, ob Sie im Hörfunk-, Film-, Fernseh-, Print-, oder Online-Geschäft verwurzelt sind… Das Internet ist die Plattform, die als einzige in der Lage ist, alle Medien zu vereinen. Selbstverständlich haben Printprodukte ihre Daseinsberechtigung und die Haptik eines Buches ist im www nicht nachbildbar. Dennoch nutzen Verlage das Netz um ihren Printprodukten zusätzliche Premium-Werte mitzugeben. CrossMedia in Reinkultur eben.
Im Hinblick auf die Weiterentwicklung des WorldWideWeb zu einem „semantischen Netz“ spielen Metadaten die zentrale Rolle vor den eigentlichen Ihnalten. Ihre Metadaten entscheiden darüber, ob Ihre Inhalte eine Chance haben, vom Konsumenten [Ihrem Kunden!] überhaupt sinnvoll gefunden zu werden. Suchmaschinen-Rankings jenseits der Position 30 haben schlechte Karten, aber das wissen Sie ja bereits. Wenn wir uns also mit Medienbrüchen beschäftigen, muss klar sein, dass dies nicht zwangsläufig mit der eigentlichen Information, Ihrem Content, zu tun hat. Sehr viel wichtiger kann die Frage nach dem möglichen Verlust der Meta-Information sein. Dies betrifft dann wieder alle Medienerzeuger gleichermaßen und macht deutlich, dass ein „Medienbruch“ zur Existenzfrage werden kann.
Anfang des Jahres 2008 habe ich mir den Spass gemacht, die öffentlich zugänglichen PDF-Geschäftsberichte der DAX-30-Unternehmen auf Basis Ihrer Metadaten zu prüfen. Das Ergebnis war schockierend. Die Titelei beginnt gerne bei U1 und verheiratet dann phantasievolle Dokumenten-Metadaten mit dem wirtschaftlich relevanten Content der entsprechenden DAX-notierten Aktiengesellschaften. Hier existiert Handlungsbedarf.
Aus Sicht der Verleger und Drucker
Die Verlagsbranche besinnt sich auf ihr eigentliches Kapital. In ganz Deutschland herrscht der Trend vor, die autorischen Perlen, die in unterschiedlichen Medien von Papier bis MS-Word vorliegen, zu strukturieren und medienneutral in Datenbanken abzulegen. Für diese Strukturierung gibt es kein allgemeingültiges Rezept. Wohl aber ein medienneutrales Zielformat: XML. Soweit ist sich die Branche einig. Welche Medien man „später“ aus diesen neutralen XML-Strukturen bedienen will und kann, steht für die meisten Verlage zum aktuellen Zeitpunkt noch gar nicht wirklich fest. Die Faustformel lautet: „Je detaillierter die Struktur, um so mehr Freiheit in der späteren Verarbeitung“. Für die medienneutrale Verwendung grafischer Assets hat sich fachlich der ECI-RGB-Farbraum durchgesetzt. Die Anwendung und konsequente Umsetzung im Publishing-Umfeld ist in den meisten Unternehmen allerdings bei CMYK-Daten stehengeblieben.
Die Ausnahmen bestätigen die Regel und so sind mir inzwischen einige [wenige] Medienbetriebe begegnet, die sich nach einem RGB- oder gar RAW-Workflow sehnen. Für die Mehrzahl der Druckbetriebe in Deutschland gilt nach wie vor der Wunsch nach CMYK-Daten, die möglichst dem jeweiligen Druckverfahren entsprechen. Da hat es leider auch der PDF/X-Standard in den Ausprägungen X1a bis X3 nicht geschafft, das Verständnis für crossmediale Ausgabeprozesse zu schärfen. PDF/X3 hat auf Grund der erzwungenen Transparenz-Reduktion ohnehin in über 90% der Einsatzgebiete zu Medienbrüchen in den Produktionsdaten gesorgt. Medienbrüche aus Transparenz-Flachrechnungen gehören dank der Einführung von PDF/X4 und PDF/X5 der Vergangenheit an. Die Voraussetzung, mit diesen aktuellen Druckdatenstandards arbeiten zu können, liegt allerdings im konsequenten Einsatz aktueller RIP-Technologie. Ohne einen Workflow in dem die „Adobe PDF Print Engine“ fester Bestandteil ist, kann ein PDF/X4 kompatibler Datensatz, der Live-Transparenz enthalten darf, nicht sicher verarbeitet werden. An dieser Stelle sind die Druckvorstufenbetriebe ganz klar gefordert, sich von ihren alten PostScript-RIPs zu verabschieden und den Medienbruch an der Plattenbelichter-Front zu beenden. Gehen Sie ruhig davon aus, dass Agenturen und Mediengestalter sehr bald PDF/X4-zertifizierte Dokumente als medienbruchfreien Standard liefern werden.
Aus Sicht der Medien-Konsumenten
Diese „Konsumenten“ teilen sich aus meiner Sicht in zwei Lager auf. Das „bruchfreie“ Lager besteht aus der jungen Generation, die das Internet als selbstverständlich kennen gelernt hat und sich in diesem Medium gerne bewegt. Bei diesen Leuten stellt sich nicht die Frage, ob ein elektronisches Formular ausgedruckt werden muss, um anschließend durch ein Faxgerät zu laufen.
Das zweite Lager besteht aus denjenigen, die sich bereits heute mit stringenten Medienprozessen schwer tun. Sie sind gut beraten, alte Gewohnheiten auf ihren Sinn zu prüfen und einmal mit den Softwareprodukten, die ihnen zur Verfügung stehen, etwas „neues“ auszuprobieren. Wie schön kann eine Volltextsuche sein, wenn man die zu durchsuchenden Dokumente „digital“ belässt.
Ich gehe davon aus, dass eine Reihe von Programmen, die wir im Rahmen des Desktop-Publishings nur als lokale Installationen kennen gelernt haben, schon bald im Web-Browser laufen werden. Wenn dieser Schritt kommt, werden einige Verhaltensmuster, die heute zu Medienbrüchen führen, gar nicht mehr möglich sein.
Wo wird es nur enden?
Erst wenn die Menschen, die Informationen verarbeiten, wirklich verstanden haben, wie viel Nutzen und Mehrwert sie aus einer strukturierten Arbeitsweise und Ablage von Daten generieren können, hat das Thema „Medienbruch“ in den Prozessen ein Ende.
Vollkommene „Bruchfreiheit“ kann und wird es nicht geben. Das macht aber nichts.
Es sind die Kleinigkeiten, die jeder von uns beitragen kann, gute Medien zu produzieren. Für den Einen ist es das digitale Redigieren von Dokumenten, z.B. durch die Verwendung der Kommentarwerkzeuge in Adobe Acrobat. Für den Anderen ist es die Umstellung auf medienneutrale Bildbestände in ECI-RGB und die Einführung von Colormanagement-Workflows. Für die IT-Verantwortlichen kann die Verwendung von Rich Internet Applications, beispielsweise für die Stammdatenverwaltung, ein Segen sein.
Ganz gleich, an welcher Stelle Sie beginnen, Ihre Medienbrüche zu eliminieren, das Ergebnis wird Ihnen gefallen.
Fazit
Aktuelle technologische Entwicklungen erzwingen bruchfreie Prozesse, in dem sie die Optionen für Fehlverhalten einfach nicht geben. Das beginnt bei elektronischen Formularprozessen, geht in der Druckindustrie über JDF-getriebene Workflows und findet in der Nutzung von Web-Applikationen [RIAs] aktuell seinen Höhepunkt.
Das beste Workflow-Konzept kann nur dann funktionieren, wenn die
Mitspieler sich an die Regeln halten. Wenn diese „Mitspieler“ bisher
mit der Freiheit, den Prozess zu umwandern, nicht umgehen konnten, dann
wird man Ihnen in naher Zukunft einfach keine Option zum Ausbruch mehr
lassen. Das Klingt ein wenig nach „Zuckerbrot und Peitsche“, tut aber
überhaupt nicht weh und wird in der Standardisierung seinen Zweck
erfüllen.
